Kulturfels Naters
Sie sind hier: Startseite » Programm 2017 » POESIE EINER GROSSBAUSTELLE

POESIE EINER GROSSBAUSTELLE

Warten auf Anschluss:

Brücke auf der Autobahnbaustelle gegenüber Gampel/Steg (Foto Jean-Claude Roh)

Fotoausstellung zur Autobahn im Oberwallis in der LA CAVERNA / Festung Naters


POESIE EINER GROSSBAUSTELLE

Im Ernst?
Muss man denn Baustellen auch noch fotografieren? Ist das nicht höchstens Sache der SUVA, wenn die Gerüste wieder mal fehlen oder weit und breit kein Helm getragen wird? Und überhaupt: Hatten wir mit der Autobahn in den letzten Jahrzehnten (oder besser gesagt ohne sie) nicht schon genügend Ärger und schlechte Propaganda?

Walliser Traditionen
Die fotografische Dokumentation einer Grossbaustelle ist weder abstrus noch ein «Künstlerfurz», sondern das Gegenteil: Das Fotografieren von Baustellen, von Grossbaustellen, hat im Wallis sogar Tradition.
Als vor über 100 Jahren der Simplontunnel und der Lötschberg gebohrt werden, lichten Fotografen die Baustellen ab und füllen dicke Fotobücher. Sie schaffen damit wertvolle Bilddokumente für eine schweizerische, ja für eine europäische Verkehrsgeschichte.
Eine nächste Generation von Fotografen, inzwischen sind die ersten davon selbst Walliser, wird Mitte des 20. Jahrhunderts wiederum auf Grossbaustellen unterwegs sein, die das Gesicht des Landes und den Takt des Lebens verändern: Die Kraftwerke, allen voran die Grande Dixence, werden auf Fotos und nun auch in Filmen festgehalten.
Und wieder ein paar Jahrzehnte später sind Fotografen auf den Grossbaustellen des Wallis aktiv: Der Strassentunnel bei Martigny, der Lötschberg Basistunnel, die Kraftwerkprojekte wie Nant de Dranse werden im Bild dokumentiert.

Die logische Fortsetzung
Zu diesen Grossprojekten der Gegenwart gehört auch die Autobahn im Oberwalliser Talboden. Jean-Claude Roh aus Conthey hat sich bei schweisstreibender Sonne und klirrender Kälte immer wieder aufgemacht, um auf den Baustellen Bilder einzufangen. In Farbe den Menschen bei der Arbeit oder posierend mit seinen Werkzeugen, die wirklichen «Macher» der Autobahn, die bei den Gesprächen und den Communiqués, auf den Schönwetterbildern und den Fernsehbeiträgen mit banddurchschneidender Prominenz fehlen. Die Autobahn fällt nicht einfach fixfertig vom Himmel, sie muss gemacht werden. Jean-Claude Roh zeigt uns einige dieser Menschen, denen wir das Werk physisch verdanken.
Aber auch die Stimmungen auf einer Baustelle sind gekonnt in Schwarz-Weiss festgehalten: der feine Wind, der Staub aufwirbelt; die Pflanzen, die ein gekiestes Trassee zurückzuerobern scheinen; die Brücke, die vorläufig noch ins Nichts führt und auf beiden Seiten auf Anschluss wartet. Und Vieles mehr, das man in einer kleinen, aber feinen Publikation entdecken kann.

Nischenblick
Wir Schweizer sind Naturliebhaber, wir sind auch Perfektionisten. Wir fotografieren eine Landschaft wohl vor dem Bau einer Autobahn oder wir fotografieren die Autobahn nur dann, wenn sie fixfertig vor uns steht, als Wunderwerk der Technik. Dazwischen kommt nur die SUVA (hoffentlich nicht) – oder kommen die Fotografen. Sie sehen Dinge, wo wir im Normalfall nicht hinsehen. Einer von ihnen ist Jean-Claude Roh. 1968 geboren, studierte er Fotografie und lebt und arbeitet in Conthey. Er erhielt bereits mehrere Preise: den Kodak Award Portrait 1998, den Schweizer Pressefoto Award 2005 und 2014, den dritten Preis der swiss press photo in der Kategorie Reportage über die Schweiz.
Für die LA CAVERNA / Festung Naters und für die Mediathek Brig hat er die Arbeit REGARD SUR UNE AUTOROUTE / BLICK AUF EINE AUTOBAHN geschaffen, eine Serie von Bildern, die ohne Zweifel zu Zeitzeugen avancieren und zum kollektiven Bildgedächtnis des Wallis gehören werden.

Die Ausstellung in der Festung Naters ist bis und mit 14. Mai jeden Sonntagnachmittag von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

Auf vorbereiteten Streckenabschnitten erobert die Vegetation ein Trassee zurück...

...andernorts gewinnen Wogen von Teer bereits die Oberhand (Fotos: Jean-Claude Roh, Conthey/VS)